Ein Meer auf einem Blatt
YETA – Your Eyes To Art · Bildgeschichten · Anna Atkins ·
Feine Verästelungen, hell vor tiefem Blau: Anna Atkins’ „Polysiphonia violacea“ hält eine Alge fest und öffnet zugleich einen Raum für Assoziationen. Eine Begegnung mit Fotografie, die ohne Kamera auskommt.
Ein kleines Dickicht im Blau
Zunächst ist da eine Form, die sich nicht sofort festlegen lässt. Ein Büschel feiner Linien verzweigt sich nach oben und zu beiden Seiten. Einige Partien sind dicht und beinahe federartig, andere so zart, dass sie im Blau zu verschwinden scheinen. Man könnte an eine Baumkrone denken, an Adern oder an etwas, das unter Wasser schwebt. Das sind Assoziationen beim Betrachten, keine zusätzlichen Gegenstände im Bild.
Die digitale Aufnahme zeigt auch die Buchseite: links den Ansatz des aufgeschlagenen Albums, außen den Rand, unten den handschriftlichen Namen. Das Gebilde befindet sich auf einem materiellen Blatt, das seinerseits Teil eines größeren Werks ist. Zwischen feinem Abdruck und freier Fläche entsteht eine Spannung. Das Blau umgibt die Alge so großzügig, dass selbst die dünnsten Ausläufer Aufmerksamkeit bekommen.
Fotografie als Berührung
Das Metropolitan Museum datiert dieses Blatt auf etwa 1853 und führt es als Cyanotypie. [1] Bei diesem fotografischen Verfahren wird Papier mit einer lichtempfindlichen Lösung auf Basis von Eisensalzen beschichtet. Ein aufgelegtes Objekt hält Licht zurück; nach Belichtung und Auswaschen bleibt seine helle Form vor blauem Grund. Eine Kamera ist für einen solchen direkten Abdruck nicht erforderlich. [2]
Der Vorgang verändert die Beziehung zwischen Gegenstand und Bild. Wir schauen nicht durch ein Objektiv auf eine entfernte Szene. Die Form entsteht dort, wo das Exemplar während der Belichtung liegt. Im fertigen Blatt ist die Alge nicht mehr vorhanden; ihre Gestalt bleibt sichtbar. Diese Nähe von Anwesenheit und Abwesenheit macht den Abdruck für mich so eindringlich. Er bewahrt eine Begegnung von Material und Licht.
Und doch ist das Ergebnis kein vollständiger Ersatz für das Lebewesen. Wir erfahren hier nichts Verlässliches über seine ursprüngliche Farbe oder die Bewegung im Wasser. Sichtbar werden vor allem Ausdehnung, Verzweigung und die Unterschiede zwischen dichteren und durchlässigeren Partien. Die Beschränkung des Verfahrens schärft den Blick für genau diese Eigenschaften.
Ein Buch entsteht Blatt für Blatt
Atkins begann 1843, Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions in einzelnen Lieferungen herauszugeben. Das Met beschreibt die Publikation als erstes fotografisch gedrucktes und illustriertes Buch. Sie verwendete selbst gesammelte oder von anderen naturkundlich Interessierten erhaltene Exemplare. Die Benennung orientierte sich an William Harveys Manual of British Algae von 1841. [3]
Das war ein Vorhaben des Erfassens und Vergleichens. Die heute mögliche ästhetische Betrachtung sollte diese wissenschaftliche Aufgabe nicht unsichtbar machen. Gerade das Nebeneinander ist reizvoll: Eine Form kann zum Bestimmen einer Alge dienen und zugleich den Blick fesseln. Man muss sich beim Anschauen nicht zwischen Genauigkeit und Staunen entscheiden.
Hier wird das Fotobuch als Arbeitsraum interessant. Ein einzelnes Blatt konzentriert die Aufmerksamkeit auf ein Exemplar. Im Zusammenhang eines Albums wird daraus eine Untersuchung, die sich über viele Seiten erstreckt. Wiederholung bedeutet dann, Unterschiede ernst zu nehmen: eine andere Verästelung, ein anderer Umriss, ein anderes Verhältnis von Dichte und Leere.
Das Unscheinbare trägt ein ganzes Projekt
Für heutige Fotografinnen und Fotografen liegt darin eine ermutigende Möglichkeit. Ein tragfähiges Thema muss weder weit entfernt noch spektakulär sein. Es kann mit etwas beginnen, das gewöhnlich übersehen wird, und mit einer präzisen Frage an dessen Erscheinung. Ausdauer bekommt dabei eine Form: wiederkommen, vergleichen, Unterschiede wahrnehmen.
Atkins’ Blatt lädt zu einer einfachen Bewegung des Sehens ein. Erst dem ganzen Gebilde folgen, dann einer einzigen Verzweigung bis an ihr kaum sichtbares Ende. Danach zurücktreten und bemerken, wie viel Blau die Form zum Atmen lässt. Das kleine Exemplar trägt den Blick erstaunlich weit.
Vor dieser Seite lässt sich verstehen, weshalb ein Fotobuch mehr sein kann als ein Behälter für Bilder. Es kann eine Art sein, der Welt über längere Zeit eine genaue Frage zu stellen.
Quellen
- The Met: Polysiphonia violacea
- Natural History Museum: Anna Atkins’s cyanotypes
- The Met: Photographs of British Algae
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