YETA JOURNAL / KÜNSTLERPORTRÄT

Emanuele Cerreto

Er sucht nicht die Postkarte. Er sucht die, die bleiben.

Sechs Männer sitzen vor einem Hauseingang und auf Stufen in Fara San Martino; Schwarzweißaufnahme.
Friends, Fara San Martino, 2026 · © Emanuele Cerreto

Kein Plan. Nur Zuhören.

Jedes Wochenende zieht Emanuele Cerreto ohne Plan durch die Hügeldörfer der Abruzzen. Orte, die über Generationen Menschen verloren haben. Türen, die im Sommer für die Heimkehrer offen stehen.

Er fotografiert, was bleibt: den alten Mann auf der Stufe, die Frau am Fenster, das Kind mit dem Ball.

„Ich warte, bis Licht, Geste und Ort miteinander übereinstimmen.“

Ein Paar steht auf einem Platz in L’Aquila im Wechsel von Licht und tiefem Schatten; Schwarzweißaufnahme.
Long Live Love, L'Aquila, 2026 · © Emanuele Cerreto

Nichts wird inszeniert

Mal wartet er, bis die Szene sich öffnet. Mal geht er hin, fragt nach dem Namen, redet. Einige seiner besten Bilder fingen mit einem Gespräch an.

Sein Vorbild: Mario Giacomelli, Härte und Zärtlichkeit in einem. Sein erster Lehrer, Pino Giannini, brachte ihm bei, die Fotografie zu lieben.

Frauen halten sich in Scanno im Kreis an den Händen; kontrastreiche Schwarzweißaufnahme.
Ring-a-rosy, Scanno, 2026 · © Emanuele Cerreto

Ein Fremder im Weinberg

Weinlese in Catignano. Cerreto kommt mit einer Kamera und einer Frage. Giuseppe hätte Nein sagen können. Er sagte Ja und ließ den Fremden einen Nachmittag lang in sein Familienleben.

„Man hieß mich willkommen. Diesem Vertrauen versuche ich mit jedem Bild gerecht zu werden.“

Eine Person greift bei der Weinlese in Catignano in die Reben; Schwarzweißaufnahme.
Harvest, Catignano, 2026 · © Emanuele Cerreto

Schwarzweiß. Außer, wenn Sanftheit zählt.

Schwarzweiß wirft alles raus, was nicht wesentlich ist. Und Erinnerung, sagt Cerreto, hat ohnehin keine Farbe.

Am Lago Pio wählt er trotzdem Farbe. Das Grün gehört zur Sanftheit der Szene.

Der Kopf eines Hirsches ragt am Lago Pio hinter einer grünen Hecke hervor.
Free, Lago Pio, Villalago, 2026 · © Emanuele Cerreto

Fertig ist ein Foto, wenn …

Er lässt seine Bilder erst liegen, bis die Erinnerung an den Tag verblasst. Was übrig bleibt, trägt auch ohne Bildunterschrift.

„Ein Foto ist fertig, wenn jedes Hinzufügen oder Wegnehmen es schwächer machen würde.“

Fahrgäste sitzen in einer Metro in Rom unter einem Fenster; Schwarzweißaufnahme.
Priority Seats, Roma, 2026 · © Emanuele Cerreto

Was wir den Orten schulden

Emanuele Cerreto, Jahrgang 1978, Street- und Dokumentarfotograf aus Chieti. Ein Fotohandbuch seines Vaters weckte als Kind sein Interesse; bewusst fotografiert er seit fünf Jahren.

Sein neues Projekt „Il suono delle fotografie“ ist noch in Arbeit: Stimmen, Stille, das Schlagen einer Glocke, im Bild spürbar. Er will an dieselben Orte zurückkehren, tiefer statt weiter.

Seine Frage an uns alle: Was schulden wir den Orten, die wir verlassen?

Emanuele Cerreto im Profil, mit einer Hand am Kinn; Schwarzweißporträt.
Porträtfoto: @ale_denicolo_dna

Das Porträt als PDF

Sieben Sprachfassungen · jeweils 7 Seiten · etwa 25–27 MB

Instagram: @emanuelecerreto · Team: @foto_chapit

Fotografien: Emanuele Cerreto · Interview: Matti Duerr · Redaktion: YETA

Grundlage: schriftliches Interview vom 26. Oktober 2026. Zitate aus dem Englischen übersetzt.

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